Normalisierung: transnationale Ansätze kritischer Sozialarbeit

Projektstart: SoSe 2008
Projektende: WiSe 2009/2010

Dozentinnen:
Prof. Dr. María do Mar Castro Varela
Leah Carola Czollek

Einleitung
Ideen von „Normalität“ und „Abweichung“ sind integraler Bestandteil Sozialer Arbeit, weswegen ein differenziertes Verständnis sozialer Normalisierungs- und auch Disziplinierungsprozesse für eine kritische Sozialarbeit unentbehrlich scheint.
Für den Philosophen Michel Foucault stehen Normalisierungstechniken dabei in einem direkten Zusammenhang mit spezifischen Macht- und Herrschaftsformationen. Spezifische Techniken und die damit entstehenden Normalisierungsmächte bilden ihm zufolge eigenständige Typen der Macht aus. Wer versteht, wie Normalität gesellschaftlich konstruiert und stabilisiert wird, versteht demnach auch, wie unterschiedliche Macht und Herrschaft funktioniert und inwieweit Ausgrenzung und Stigmatisierung für unsere Gesellschaft konstitutiv sind.

Fragestellung
Im Projekt wollen sich Teilnehmende zusammenfinden, die sich für die Produktion von „Normalität“ und „Ausgrenzung“ interessieren und sich fragen, wie eine transnationale kritische Sozialarbeit aussehen kann, die Macht- und Herrschaftsstrukturen reflektiert und dabei dennoch handlungsfähig bleibt.
Gemäß der Foucault’schen Aussage, dass Kritik die Kunst ist, nicht dermaßen regiert zu werden, sollen auf der methodischen Ebene Strategien befragt werden, die sich gegen Disziplinierungen stellen.
Es geht dabei auch um eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Disziplin. Welche Strategien und Methoden der Sozialen Arbeit stabilisieren etwa die Unterscheidung in „Normal“ und „Anormal“? Wo wird Soziale Arbeit und Sozialarbeitswissenschaft zum Stichwortgeber von Technokraten und Bürokraten, denen es in erster Linie um die Verwaltung Sozialer Arbeit und weniger um strukturelle Veränderung geht? Was macht eine ethisch wertvolle Soziale Arbeit aus? – sind entsprechend einige der Ausgangsfragestellungen des Projekts.

Perspektive
Die eingenommene Perspektive ist entsprechend: Kritische Sozialarbeit. Eine Sozialarbeit, die sich durchaus im Widerspruch zu neoliberalen Modellen der Sozialarbeit sieht, die glaubt soziale Prozesse genauestens protokollieren und kontrollieren zu können. Stattdessen soll die eigene soziale Positionierung und ihre Machtgebundenheit reflektiert werden. Die Sozialarbeitenden sehen sich dann nicht mehr als Ausführende, sondern vielmehr als Gestaltende, die gemeinsam mit ihrem“Klientel“ soziale Missstände skandalisieren und gesellschaftsverändernd wirksam sind.
„Während traditionelle Sozialarbeit ihren zentralen Bezugspunkt im Verhältnis von Professionellem und „Klientel“ hat, verlangt kritische soziale Arbeit einen Blickwechsel hin zu den vielfältigen Überlebenspraktiken und Aneignungsweisen der sozialen Lebenswelten durch die Subjekte selber. Ausgangspunkt der Handlungsstrategie ist also der gesamte soziale Kontext der Subjekte, in dem die Beziehung Sozialarbeiterin – Klientin nur eine unter vielen Beziehungen ist“
(Widersprüche)

Themenfelder
Die Themenfelder umfassen im Grunde alle sozialarbeiterischen Tätigkeitsfelder, allerdings sollen insbesondere Ansätze fokussiert werden, die sich selbstreflexiv und selbstkritisch mit der eigenen Profession auseinandersetzen und strukturelle Ungleichheiten in den Blick nehmen ohne sich selber auf den Standpunkt eines neutralen Drittens zu setzen.
Neben Rassismus, Antisemitismus, Behindertenfeindlichkeit, Homophobie, Sexismus etc. stehen deswegen auch Forschungen zum Thema „Weißheit“, „Heteronormativität“, „Produktion von Gesundheit“ etc. auf der Projektagenda. Dabei sollen auch die Dynamiken zwischen den verschiedenen Feldern in den Blick genommen werden und unterschiedliche Fokussierungen besprochen werden.

Motivation
Eine entscheidende Motivation ist der Wunsch danach, Methoden und Strategien einer nicht normativen Sozialen Arbeit kennen zu lernen und die eigenen Positionierungen konkret zu reflektieren, ohne dabei in einer selbstreflexiven Schleife hängen zu bleiben. Im Projekt stehen deswegen Normalisierungsprozessen und ihre Konsequenzen für den (professionellen) Alltag im Mittelpunkt. Die Motivation zu diesem Projekt erwächst auch aus einem Interesse an Fragen von Macht und Herrschaft und dem Willen sich mit dem eignen Verflochtensein in Macht- und Herrschaftsstrukturen auseinander zu setzen. Wo reproduzieren wir bspw. rassistisches Denken? Wie werden Andere auf der Position der Anderen belassen, ihre Position an den Rändern stabilisiert?
Dies verlangt ein Sich Einlassen auf die bestehenden Strukturen mit der Absicht, die historische Gewordenheit der Herrschaftsverhältnisse sichtbar zu machen und die sozialen Strukturen zu irritieren statt sie zu stabilisieren.
Das Projekt bietet die Möglichkeit, Methoden der Sozialen Arbeit kontextualisiert zu befragen und die eigenen (Praxis-)Erfahrungen zu reflektieren.
Es wird ein Raum geboten, der auch Reflexion des bis dahin erworbenen Wissens ermöglicht. Es sollen so der etablierte common sense, die eingeschliffenen Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden.
Ein kritisches Hinterfragen der eigenen Person, der eigenen Erfahrungen sollen dazu befähigen, den eigenen Horizont zu erweitern und an einer professionellen Haltung zu arbeiten, die die Sozialarbeit nicht mehr nur als Intervention gegen das „Elend“ sieht, sondern Soziale Arbeit auch als Problem begreifen kann.
Es geht also nicht darum Methoden zu entwickeln, die „Symptome bekämpfen“, sondern die Ursachen aufdecken, wie das Normale, Gesunde, Gute produziert wird. Dies impliziert eine differenzierte Reflexion nicht nur über den Gegenstand, sondern auch die Methoden der Sozialen Arbeit. Wofür ein Nachdenken über Wissensproduktion und etwa Ideologie wichtig erscheint.